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Tag 10: Noch 2km

Den Händlern gegenüber, die mich trotz meines desinteressierten Blicks auf der Straße nerven, hege ich ja grundsätzlich einen Groll. Schlimmer noch sind diejenigen, die ihr Angebot durch die Gegend schreien. Denen jedoch, die selbiges um 8 Uhr morgens direkt vor meinem Fenster tun und in einer Lautstärke, dass sie ebenso gut mit einem Dreschflegel mein Trommelfell bearbeiten könnten, wünsche ich nur noch einen qualvollen Tod.

Derartig lieblich geweckt machen wir uns fertig, um zügig nach Bayamo aufzubrechen. Während ich gerade einige Dinge zusammenpacke, höre ich aus dem Bad einen Knall und ein Fluchen. Kurz darauf steht Melanie in der Tür und ihr Gesicht sagt mir, dass ihre Tollpatschigkeit mal wieder ihren Tribut gefordert hat. Ihre Erklärung versetzt mich in einen Zustand irgendwo zwischen Mitleid und Lachanfall. Folgendes ist passiert: die Klospülung wird durch einen Griff am Spülkastendeckel durch Ziehen aktiviert. And diesem hatte sie wohl derart heftig gezogen, dass die Kette im Innern, die das Ventil öffnet, riss, wodurch ihr der Griff smt Kette mit Schwung entgegen kam, bis die Verankerung der Kette an der Öffnung hängen blieb. Dadurch wurde der Spülkastendeckel vom Kasten gezogen und fiel auf die Schüssel, von der daraufhin ein Stück abgesprang. Es ist ein Phänomen, wie diese Frau es immer wieder schafft, auf unfreiwillig komische Weise Dinge zu zerstören.

Auf den Schreck organisieren wir uns erstmal ein kleines Frühstück, erklären der Vermieterin, dass es "ein Problem mit dem Klo" gibt und machen uns von dannen. Die Fahrt nach Bayamo dauert nicht lange und wir finden, wie üblich, direkt eine Unterkunft beim historischen Stadtkern. Da wir heute in der Sierra Maestra wandern wollen, gehen wir zu einem Tourismusbüro, um uns beraten zu lassen. Leider ist das, wie so vieles in Kuba, nicht so einfach, denn die beiden Wanderwege sind von historischer Bedeutung und dürfen daher nur angemeldet und mit Guide gewandert werden... und für einen Haufen Geld. Spontan vergeht uns die Lust am Bergwandern und wir fragen die Dame nach Alternativen aus. Das dauert eine geraume Zeit, denn sich möchte uns etwas verkaufen, wir aber nichts zahlen. Nach einer Weile haben wir den Namen und die ungefähre Richtung einer kleinen Badestelle in einem Fluss irgendwo in der Pampa, zu welcher man hinwandern kann. Also packen wir unsere Sachen und fahren zunächst zu einem Dorf etwas außerhalb, von wo aus man weiter zum Charco Prieto kommen soll. Wir finden dort auch schnell jemanden, der den Weg kennt, sich aber unsicher ist, wie weit wir dort mit dem Auto durchkommen. Klingt ja spannend...

Bald erkennen wir den Grund für die Bedenken: der Weg ist eine schlechte Schotterpiste mit Löchern und Furchen, die bergauf und bergab quer durch das Gelände ins Nirgendwo führt. Mutig nehmen wir die Herausforderung an und schleichen stetig voran, wobei wir ständig an kleinen Hütten vorbeikommen, wo wir nach dem Weg fragen. Nach etwa einer halben Stunde Pistenspaß gelangen wir an den Punkt, den wir kaum noch zu erreichen geglaubt haben: ein Weg zweigt von der "Hauptstraße" ab. Dies sei unser Weg, so hatte man es uns beschrieben. Da dieser noch unwegsamer ist, stellen wir den Wagen im Schatten ab und machen uns zu Fuß weuter auf den Weg durch die sengende Sonne. Der Marsch führt uns durch eine wunderschöne Landschaft immer wieder an kleinen Ansiedlungen vorbei, deren Bewohner uns ansehen, als wären wir wahnsinnig, hier zum Spaß langzulaufen. Da uns die Hitze ganz schön zusetzt, fragen wir nach einer Weile einen Einheimischen, wie weit es denn noch bis Charco Prieto sei... noch 2km. Na gut, das ist weiter als erwartet, aber zu schaffen. Unterdessen machen wir Bekanntschaft mit allen Arten domestizierter Tiere, die auf dem Weg laufen, stehen oder liegen. Einige Dörfer weiter – diese werden immer kleiner, je weiter wir gehen – erkundigen wir uns erneut nach der Distanz... noch 2km. Also entweder haben wir hier eine Singularität des Raum-Zeit-Kontinuums oder die Leute hier haben keine Vorstellung von Längenmaßen. Tapfer laufen und fragen wir weiter durchqueren Flussbetten, besuchen weitere Dörfer und stoßen schließlich auf eine Dame, die uns über Stock, Stein und das Grundstück einer kleinen Farm bis hin zum Anfang eines Pfades führt, der im Gebüsch verschwindet. Mit einer neuen Wegbeschreibung schlagen wir uns durchs Unterholz und den Hang hinab bis zum Flussbett, uns aufmerksam den Weg einprägend, damit wir den Rückweg wiederfinden; Brotkrumen haben wir leider nicht zur Hand. Im Flussbett folgt noch eine Kletterpartie über die Felsen, bis wir endlich die Badestelle sehen. Sie ist wunderschön gelegen, das Wasser ist erfrischend und das Beste: wir sind allein! Dafür hat sich die Mühe allemal gelohnt.

Wir kühlen uns im Wasser ab und genießen die himmlische Ruhe, bis selbige mit der Ankunft einer Gruppe Einheimischer endet und wir uns wieder auf den unvermeidlichen Rückweg machen, denn wir wollen ja vor Sonnenuntergang wieder in Bayamo sein. In der Machmittagssonne und ohne die lästige Fragerei kommen wir deutlich besser voran und erreichen bald das Auto. Erschöpft lassen wir uns in die Sitze fallen und bahnen uns den Weg zurück in die Zivilisation und zu unserer Unterkunft. Ein abenteuerlicher Ausflug ohne Zweifel und so herrlich frei von Touristen.

Da wir den ganzen Tag über nicht Vernünftiges gegessen haben, machen wir uns noch auf die Suche nach einem Restaurant. Wir finden auch bald ein spanisches Lokal, das uns zusagt. Die erste Überraschung gibt es schon an der Tür: der Kellner spricht Spanisch. Nicht den Logopädenalptraum, den die Kubaner als Spanisch bezeichnen, sondern richtiges, spanisches Spanisch! Die zweite Überraschung folgt sofort: man ist sich nicht sicher, ob man uns mit Flip Flops einen Tisch geben kann. Hat das Restaurant so hohe Standards? Wir warten eine Weile mit wachsendem Hunger an der Bar, bis man sich entschließt, uns doch einen Tisch zu geben. Während wir eine Ewigkeit lang auf die Karte warte, sehe ich, wie dem Nachbartisch Getränke in Dosen serviert werden... so viel zu den Standards. Als wir endlich die Karte gebracht bekommen, liest mir die Kellnerin sogleich vor, welche der Gerichte heute tatsächlich verfügbar sind; es sind fünf und alle enthalten Fleisch. Ein paar Meter weiter betreten wir ein vegetarisches Restaurant, dessen Existenz uns bei der fleischlastigen Küche Kubas sehr erstaunt. Auf der Karte steht gebratenes Huhn...

Die übrige Auswahl beschränkt sich auf Suppen, Rührei oder Salate. Am Nachbartisch sitzt eine Familie... alle haben das Huhn bestellt. Aus dem vegetarischen Sortiment suchen wir uns ein paar Gerichte aus, werden wie üblich darauf hingewiesen, dass dieses oder jenes nicht verfügbar ist, und suchen eine Alternative. Einfach auf eine tafel zu schreiben, was es tatsächlich gibt, ist hier wohl noch niemandem in den Sinn gekommen. Während wir nach dem Essen auf die Rechnung warten, betritt eine weitere Familie das Restaurant... alle bestellen das Huhn. So einfallslos die Karte auch ist, so günstig ist hier auch das Essen, denn es stellt sich heraus, dass die Preise in kubanischen Pesos ausgezeichnet sind. Wir bezahlen jeder etwa 50ct für das Abendessen und kehren zur Casa zurück. Ein gelungener Tag endet.

18.10.16 16:55

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